Die Geschichte der Seeburg-Musikboxen
Justus P. Sjöberg war ein Produzent von amerikanischen Musikautomaten bis in die späten 1970er-Jahre mit Sitz in Chicago. Gegründet wurde das Unternehmen von Schweden Justus P. Sjöberg, der 1987 seine Heimatstadt Göteborg im Alter von 16 Jahren verlassen hatte und in die USA ausgewandert war.
Während seiner Tätigkeit als Superintendent begann er, elektrische Pianos auf eigene Rechnung aufzustellen. Sehr bald war seine Nebenbeschäftigung immer größer geworden und nahm immer mehr Zeit in Anspruch. Er gab also seinen Job als Superintendent auf, änderte seinen Namen zu "Seeburg" und gründete 1902 die "J.P. Seeburg Company". Es folgten wieder Jahre harter Arbeit und 1910 konnte er endlich sein "Orchestrion" auf den Markt bringen. Das Orchestrion ist ein elektrisches Piano, in das zusätzliche elektrische oder pneumatisch bestätigte Instrumente wie Flöte, Violine, Mandoline und
verschiedene Schlaginstrumente eingebaut sind. Das Orchestrion ist damit in der Lage, ein ganzes Orchester zu imitieren. Es wurde bis 1938 produziert.
Die Mechanik des Orchestrion hatte große Ähnlichkeit mit jener des Nickelodeon von AMI. Es funktionierte ebenfalls mit Papierrollen, die sternförmig auf einem Rad montiert waren und hydraulisch gewechselt wurden. Auch sonst gibt es in den ersten Jahren viele Ähnlichkeiten zu AMI. Auch Seeburg begann, sobald elektrische Tonabnehmer und Verstärker verfügbar waren, Musikautomaten für Schellackerplatten zu bauen. Ab 1927 kamen die ersten Geräte mit 8 Schellacks aber ohne Wahlmöglichkeiten auf den Markt. Die
Melatone-Serie mit dem Wilcox-Wechsler funktionierte nicht gut und alle etwa 100 Geräte mussten zurückgeholt werden. Für die nächste Gerätegeneration ab 1928 kaufte Seeburg die Musikautomatenproduktion von Westen Electrics. Diese Geräte sind mit einer Wahleinrichtung ausgestattet.
In den nächsten Jahren produzierte Seeburg nicht nur Musikboxen, sondern viele artverwandte Geräte: Spielautomaten, Münzeinwurfboxen für Waschmaschinen und Kühlgeräte.(1931), Schiessstände mit Münzeinwurf (1935), Münz-Parkuhren (1936), Eiscreme- Automaten (1937), Heim-Plattenwechsler (1938),
Flaschen-Verkausautomaten (1940) und vieles mehr.
1937 übernahm Seeburg die Corona Radio Corporation und konnte nun Verstärker und andere elektronische Teile selbst erzeugen. Es wurde dadurch auch die Entwicklung von drahtlosen Fernwählern ermöglicht. Die Nummer der gewählten Platte wird in eine Impulsfolge umgewandelt, mit der ein Hochfrequenzsignal
moduliert wird. Dieses Hochfrequenzsignal wird jedoch nicht über Antennen, sondern durch die Netzleitung übertragen. Ein ähnliches Prinzip wird heute für Wechslersprechanlagen oder Babyphone angewandt. Das Prinzip der seriellen Datenübertragung wird auch für Fernwähler mit 3-poligern Anschlusskabel verwendet.
1942 musste die Entwicklung und Produktion wegen des Eintritts der USA in den 2. Weltkrieg eingestellt werden. Die Fabrik musste technische Geräte für die US Army herstellen und wurde dafür auch mehrfach
ausgezeichnet. Außerdem dürfte so manche Idee für spätere Entwicklungen mit Computertechnik aus dieser Zeit stammen.
Die Automatenbetreiber hatten in den Kriegsjahren eine schwierige Aufgabe. Da es keine neuen Geräte gab, mussten sie die insgesamt rund 400.000 Musikboxen instand halten. Viele Mitarbeiter waren in den
Kriegsdienst einberufen worden oder mussten in der Rüstungsindustrie arbeiten. Glücklicherweise fand man genügend ältere Mitarbeiter die für den Kriegsdienst zu alt waren, die diese Aufgabe übernahmen.
Nach dem Krieg wurde die Produktion sofort wieder ausgenommen, denn es gab einen grossen Nachholbedarf. Gleichzeitig nahm Ed Andrews die Entwicklung des neuen Wechslermechanismus, die bereits 1941 begonnen worden war, wieder auf. 1947 wurde der neue "Select-O-Matic"-Wechsler erstmals eingebaut in ein Hintergrund-Musik-Gerät für 110 Schellack-Schallplatten mit 10" oder 12" (auch gemischt), die beidseitig abgespielt werden konnten. Der Wechsler hat ein mechanisches Wahlsystem. Man konnte programmieren ob die A-Seite oder B-Seite oder beide Seiten einer Platte gespielt werden sollen. Diese Auswahl wurde dann dauernd wiederholt. In der Folge wurde ein elektrisches Wahlsystem entwickelt und 1948 entstand daraus die legendäre M100A mit 100 Wahl-möglichkeiten. Alle anderen Erzeuger hatten nur 20 bis 40 Wahlmöglichkeiten und kamen dadurch in arge Bedrängnis.
Seeburg konnte eine Reihe von weiteren Neuerungen für sich verbuchen. Zum Beispiel die Einführung der neuen "7".- Vinyl-Schallplatten (1950-Modell M100B), die Einführung von Stereophonie (1959-Modell 220/222) und schließlich die Einführung von "Integrierten Schaltungen" (1970-LS3-APOLLO).
Die erste Musikbox, die 1952 die neue Singleschallplatte abspielen konnte, war das Modell M100B. Zuvor hatte Seeburg mit dem Modell M100A (1948-51) mit dem beidseitigen Abspielen von 50 Schellackplatten das
Musikgeschäft revolutioniert.
Das bekannteste und schönste Modell, die V bzw. VL 200, wurde 1955 eingeführt. Mit einer gebogenen Scheibe und einem Fassungsvermögen von 100 Schallplatten ist sie heute eines der am meisten gesuchten
Sammlermodelle aus diesem Sektor.
Der große wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es, dass Seeburg eine Reihe von Firmen und Produktionsrechten aufkaufen konnte und damit die Produktpalette wesentlich erweiterte. So wurden 1959 von Eastern Electrics
die Produktionsrechte für den ersten vollelektrischen Zigarettenautomaten erworben. 1959 kaufte Seeburg die Bert Mills Manufacturing Co. (Kaffeeautomaten) und Lyon Inc. (Kaltgetränkeautomaten). Durch die Übernahme der Bally Vending Company (1961) wurde Seeburg zum führenden Erzeuger von Kaffeeautomaten.
1964 übernahm Seeburg zwei Firmen, die Spielautomaten herstellten. Die Williams Electronic Manufacturing Corp. war ein führender Erzeuger von Flippern und anderen Unterhaltungsautomaten, Die United Manufacturing Co. erzeugte ebenfalls Unterhaltungs- und Musikautomaten. Es wurden aber auch andere Firmen übernommen, die Musikinstrumente, Hörgeräte, Faxgeräte und vieles mehr erzeugt haben.
Die J.P. Seeburg Corporation wurde 10 Jahre nach dem Tod des Firmengründers (1958) an die Commonwealth United verkauft, die den Betrieb bis 1982 aufrecht hielt. 1983 wurde der Betrieb eingestellt. 1984 wurde von einer Investorengruppe, der neben viele Personen aus der Automatenbranche auch
ein Mitglied der Familie Seeburg angehört, die Seeburg Phonograph Corporation gegründet und der Betrieb wieder aufgenommen.