
Die Geschichte der Wurlitzer-Musikboxen
Wurlitzer USA (1853-75)
Der Firmengründern Rudolph Wurlitzer wurde 1831 in Sachsen geboren. Seine Vorfahren waren Instrumentenbauer und Händler. Rudolph Wurlitzer wanderte 1853 nach Amerika aus und machte 1856 in Cincinnati ein Geschäft für Vertrieb und Reparatur von Musikinstrumenten auf. Verwandte und Freunde aus Deutschland unterstützten ihn dabei mit 700 $ die er in sein neues Geschäft investierte.
Anfangs vertrieb er münzbetätigte Pianos der "Regina Music Box Co.", später begann er selbst Musikinstrumente zu bauen. 1860 bekam er den Auftrag zur Ausrüstung der Armee mit Trommeln und Trompeten. Um 1880 wurde das erste Piano mit dem Namen "Wurlitzer" erzeugt. Um die Jahrhundertwende wurde das erste münzbetätigte Piano, das "Tonophone" gebaut. Wurlitzer baute auch viele andere Musikinstrumente, unter anderem die " Mighty Wurlitzer Pipe Organ", die den Namen Wurlitzer weltweit
bekannt machten.
Rudolph Wurlitzer starb 1914 aber seine Söhne, insbesondere der jüngste Sohn Farn, führten den Betrieb in seinem Sinne weiter. Während des 1. Weltkrieges musste die Fabrik Munitionskisten für die Armee
herstellen. Nach dem Krieg wurde die Produktion sofort wieder aufgenommen und ausgeweitet. Landesweit wurden über 100 Verkaufsgeschäfte für Musikinstrumente eröffnet. Nach dem Börsencrash (1929) begann die Wirtschaftskrise und der Bedarf an Musikinstrumenten wurden immer geringer. Man suchte nach neuen
Produkten. Inspiriert durch den Erfolg von AMI, Seeburg, Mills und anderen Erzeugern beschloss man einen Versuch mit Musikboxen zu machen.
Um das Risiko gering zu halten engagierte man einen Mann mit Erfahrung, nämlich Homer Earl Capehart, der die von ihm gegründete Capehart Corporation in Indianapolis verlassen hatte. Capehart brachte die Rechte für den patentierten "Simplex"-Wechselmechanismus mit. Er wurde beauftragt in St. Louis eine Probeserie fertigen zu lassen. Dieses Gerät die "Debutantic" (1933) wurde ohne Markenbezeichnung verkauft. Sie dürfte aber dennoch ein großer Erfolg gewesen sein, denn bereits ein Jahr später kam
das erste "Wurlitzer"-Modell, die "P10" auf den Markt. Capehart war bis 1939 Vice-President der Rudolph Wurlitzer Company. Nach seinem Ausscheiden bei Wurlitzer gründete er zusammen mit Sohn Thomas Capehart auf einem Gelände dass er bereits 1932 gekauft hatte die "Packard Manufacturing Corporation". Homer Capehart hatte sich seit Jahren politisch engagiert und wurde 1944 Senator von Indiana. Die Packard Corporation wurde 1951 an Wurlitzer verkauft.
Nach dem grossen Erfolg der ersten Modelle wurde die Produktion in North Tonawada völlig auf Musikboxen umgestellt und alle anderen Produkte in andere Produktionsstätten verlegt oder fallen gelassen. Dies war
notwendig um die riesige Nachfrage befriedigen zu können. Die P-10 war die erste einer Reihe von äußerst erfolgreichen Musikboxen. Der Simplex-Wechslermechanismus funktionierte sehr gut und damit konnte Wurlitzer seinen Marktanteil auf mehr als 60% steigern. Zusammen mit der Produktion von Pianos und Orgeln war Wurlitzer einer der grössten Holz- und Metall verarbeitenden Betrieb weltweit. Als besonderen Glücksgriff erwies sich die Aufnahme des aus der Schweiz stammenden Möbeldesigners Paul. M. Fuller der als Chefdesigner von 1935 (Modell 312) bis 1947 (Modell 1100) die erfolgreichsten Musikboxen aller
Zeiten gestaltete.
Während des 2. Weltkriegs wurde die Produktion von Musikboxen eingestellt, es mussten Komponenten für Radargeräte und ähnliche technische Produkte für die US-Army hergestellt werden. Nur die Gehäuseproduktion wurde weitergeführt. Es wurden leere Gehäuse aus Holz und Glas (Modell Victory) ohne Verwendung von Metall oder Kunststoff hergestellt. In diese konnten alte Maschinen eingebaut werden. Gleichzeitig lief die Entwicklung des ersten Nachkriegsmodells weiter. Die Arbeit hatte sich gelohnt, denn von dem Modell 1015 wurden 1946-1947 fast 60.000 Stück gebaut. Es war das meistgebaute Modell
und selbst von dem in Deutschland gebauten Nachbau-Modell "One More Time" (mit Singles oder mit CD) wurde seit 1986 bereits über 40.000 Stück erzeugt.
Leider verließ man sich zu sehr auf das geniale Design von Paul Fuller und versäumte es, die Technik weiter zu entwickeln. Abgesehen vom neuen Cobra-System von Zenith, das für den typischen Wurlitzer- Sound
sorgte, verwendete man immer noch die Technik aus dem Jahr 1933. Das Erscheinen der Seeburg M 100 A (1948) mit 100 Wahlmöglichkeiten war daher ein großer Schock und führte dazu, dass ein Grossteil der bereits produzierten Modelle 1080 und 1100 nicht mehr verkauft werden konnten. Unter Zeitdruck versuchte man daher, den Simplex-Wechsler zu modifizieren, um die Plattenzahl zu erhöhen. Es wurde ein zweiter Tonarm eingebaut, um beide Plattenseiten spielen zu können und später (1952) wurde ein zweiter Plattenstapel zugefügt. Damit hatte man 104 Wahlmöglichkeiten und konnte Seeburg für kurze Zeit sogar überflügeln. Der kurze Erfolg war allerdings teuer erkauft und erwies sich in den folgenden Jahren als Wettbewerbsnachteil. Der Mechanismus war sehr kompliziert und schwer (Gesamtgewicht ca. 213 Kg) und auch sehr störungsanfällig. Außerdem brauchte man spezielle Fernwähler, die zu keinem anderen Gerät kompatibel waren.
Erst der von Fred. H. Osborne entwickelte neue Wechslermechanismus (ab Modell 1700) konnte Wurlitzer wieder konkurrenzfähig machen. Damit konnten später auch sehr erfolgreiche 200er- Modelle gebaut
werden.
1975 wurde die Produktion von Musikboxen in USA eingestellt. Musikinstrumente (hauptsächlich Keyboards) und Verstärker wurden noch bis 1988 gebaut, danach wurde der Betrieb von der Baldwin Company in Ohio
übernommen. Der 1960 gegründete Tochterbetrieb "Deutsche Wurlitzer GmbH" hat sich verselbständigt und gehört heute zur Gibson Group.